Wissenswertes

Ein Überblick über Islam, Alevitentum, Yezidentum, Christentum, Judentum und Zoroastrismus — und ihre historischen Wurzeln in unserer Region.

Die Region, die wir heute unsere Heimat nennen, war in der Antike Teil von Mesopotamien — dem Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris — und Teil von Anatolien. Über die Jahrtausende war sie Heimat vieler Religionsgemeinschaften. Heute leben Kurd:innen in einem Gebiet, das sich über vier Staaten erstreckt: die Türkei, den Irak, den Iran und Syrien — mit Diasporagemeinschaften in Libanon, Armenien, Georgien und darüber hinaus. Die geschätzte Gesamtzahl liegt bei 30–45 Millionen Menschen. Dieser Bereich gibt einen Überblick über sechs Glaubensrichtungen, die in der Geschichte und Kultur dieser Lande tief verwurzelt sind. Unser Verein will das Wissen um diese Gemeinschaften fördern, denn Verständigung und ein gutes Zusammenleben beginnen mit dem Wissen übereinander.

Islam

Die heute mit Abstand größte Religion unter Kurd:innen. Die meisten Kurd:innen sind sunnitisch, vor allem nach schafiitischer Rechtsschule. Daneben gibt es eine bedeutende schiitische Minderheit — vor allem im Iran und Irak — sowie die große alevitische Glaubensgemeinschaft.

Historische Verbindung & heutige Präsenz

Seit dem 7. Jahrhundert prägt der Islam das religiöse, kulturelle und politische Leben der Region. Die arabische Schrift, persische Literatur und türkische Verwaltungstradition trafen in den kurdischen Gebieten aufeinander. Große islamische Gelehrte und Dichter — wie der kurdisch-stämmige Sufi-Mystiker Ahmad Yasavi oder der Philologe al-Zamahshari — prägten das intellektuelle Erbe. Heute ist der Islam mit Sufi-Bruderschaften (Naqschbandi, Qadiri), festlichen Jahreszyklen (Ramadan, Opferfest, Mawlid an-Nabi) und einem reichen Minbar- und Moscheewesen tief verankert.

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Alevitentum

Eine eigenständige Glaubensrichtung innerhalb des islamischen Spektrums, die heute eine der größten Religionsgemeinschaften unter Kurd:innen darstellt — mit starken vorislamischen, mystischen und philosophischen Wurzeln.

Historische Verbindung & heutige Präsenz

Alevitische Kurd:innen konzentrieren sich historisch in Dersim (Tunceli), Sivas, Erzincan und Teilen Ostanatoliens sowie im Iran (Khorasan, Urmia). Die alevitische Theologie betont die Einheit von Gott, Mensch und Natur (Vahdet-i Vücud), die Gleichheit von Mann und Frau, die Liebe zu allen Menschen und die Toleranz gegenüber anderen Religionen. Zentrale Rituale sind die Cem-Zeremonie (mit Musik, Tanz und gemeinsamem Mahl), die zwölf Dienste und die Dede-Figur als geistliches Oberhaupt. Viele Alevit:innen verbergen ihre Identität aus Angst vor Repression — das hat sich in der Türkei in den letzten Jahrzehnten verbessert, ist aber im Iran weiterhin prekär.

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Yezidentum

Eine eigenständige monotheistische Religion, die in der Region seit Jahrtausenden verwurzelt ist. Yeziden sprechen mehrheitlich Kurmancî und bilden die einzige große Religionsgemeinschaft, die ethnisch fast vollständig kurdisch ist.

Historische Verbindung & heutige Präsenz

Die Yeziden leben in einer geschlossenen Kernregion rund um das Heiligtum Lalish im Nordirak, mit bedeutenden Diasporagemeinschaften in Deutschland (besonders Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen), Armenien, Georgien und im syrisch-türkischen Grenzgebiet (Sindschar). Ihre Religion vereint Elemente des vorislamischen Mesopotamien (die Figur des Melek Taus, „Pfauen-Engel”), altiranische Traditionen (Dualismus-Konzept) und sufische Praktiken. Die Yeziden wurden über die Jahrhunderte immer wieder verfolgt — über 70 Massaker in der Geschichte, zuletzt der Völkermord durch den IS 2014, dem Tausende zum Opfer fielen. Heute kämpfen sie um internationales Anerkennung und Bewahrung ihrer zerstörerten Heimatgebiete.

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Christentum

Eine der ältesten kontinuierlich praktizierten Religionen der Region. In der Heimatregion der Kurd:innen leben heute mehrere christliche Konfessionen, vor allem Assyrer/Aramäer (Syrisch-Orthodoxe, Chaldäer) und Armenier (Armenisch-Apostolische Kirche).

Historische Verbindung & heutige Präsenz

Christliche Gemeinden gehören seit dem 1. Jahrhundert zur mesopotamischen Geschichte — die Stadt Edessa (heute Şanlıurfa in der Türkei) gilt als eines der frühesten christlichen Zentren überhaupt. Im Mittelalter blühten die assyrischen Kirchen zwischen Mosul, dem Hakkari-Gebirge und dem Urmia-See. Der Völkermord an den Armeniern (1915–1923) und das Simele-Massaker an den Assyrern (1933) dezimierten die christliche Präsenz drastisch. Heute leben nur noch wenige Tausend Christen in der Türkei und im Iran, während im Nordirak weiterhin bedeutende assyrische Gemeinden existieren — darunter der chaldäische Erzbischof von Erbil, der kurdische Christen und Muslime gleichermaßen betreut.

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Judentum

Die älteste der abrahamitischen Religionen. Jüdische Gemeinden existierten in Mesopotamien über zweieinhalb Jahrtausende, die meisten davon sprachlich und kulturell mit der Region verwoben.

Historische Verbindung & heutige Präsenz

Jüdische Gemeinden existierten seit der Antike in Mesopotamien und der späteren kurdisch geprägten Region — mit wichtigen Zentren in Erbil, Dohuk, Amadiya, Aqra und Rawandiz. Die „Kurdischen Juden" (Kurdayî) bildeten eine eigene Sprachgemeinschaft, die ein jüdisch-aramäisches Idiom sprach und in Tausenden von Jahren eine einzigartige Mischkultur entwickelte. Sie pflegten Handel, Handwerk und Gelehrsamkeit — ihre Manuskripte (heute im Israel Museum) zählen zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Die meisten wanderten nach der Gründung Israels 1948/1951 in mehreren Wellen aus. Heute leben in der Heimatregion der Kurd:innen nur noch wenige Dutzend ältere Juden, doch ihre materielle und immaterielle Hinterlassenschaft — Synagogen, Friedhöfe, Lieder und Texte — bleibt lebendig.

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Zoroastrismus

Eine der ältesten monotheistischen Religionen der Welt, begründet vom Propheten Zarathustra wahrscheinlich im 2. Jahrtausend v. Chr. im iranisch-mesopotamischen Raum. Zarathustra lehrte den Kampf zwischen Ahura Mazda (dem weisen Herrn) und Angra Mainyu (dem zerstörerischen Geist).

Historische Verbindung & heutige Präsenz

Der Zoroastrismus war über mehr als ein Jahrtausend die Staatsreligion des Achämenidenreichs (Kyrus der Große, Dareios I.), das von Anatolien bis zum Indus reichte — Babylon und damit große Teile Mesopotamiens gehörten dazu. Unter den Achämeniden erlebten die jüdischen Gemeinden in Babylon eine Blütezeit (Daniel-Buch, babylonischer Talmud). Heute praktizieren in der Heimatregion der Kurd:innen selbst kaum noch Zoroastrier ihren Glauben, doch die Spuren sind überall: in den Namen der Monate (Farvardin, Ordibehesht…), in den Festen (Nowruz, Tschaharschanbe Suri), die in der gesamten Region — auch unter Muslimen und Yeziden — bis heute gefeiert werden. Eine kleine lebendige zoroastrische Gemeinde gibt es noch bei den Parsen in Indien und bei den sogenannten „Zarthusti" im Iran.

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